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Herr Barth erzählt

Herr Barth war in den letzten Wochen immer mal wieder zu Besuch in unserer Schule, unter anderem in der Klasse 3a, die sich gemeinsam mit ihrer Klassenlehrerin Frau Hoersch intensiv mit der Geschichte der ASG befasst hat. Herr Barth war so freundlich den Kinder von seiner Zeit in der Schule zu erzählen und hier ist seine Geschichte: 

Nun werde ich ein wenig von mir erzählen. Ich wurde 1940 mitten im Krieg geboren und hatte zwei Brüder, die 6 und 12 Jahre älter waren als ich. Etwa drei Jahre später setzten die schweren Luftangriffe auf Berlin ein, was bedeutete, dass wir bei Alarm in die Luftschutzkeller eilen mussten. Es gab auch einen Bunker, der auf dem Schulhof neben den Turnhallen stand.Bald musste mein ältester Bruder  mit 17  Jahren schon als Soldat in den Krieg ziehen. Er  wurde bei  der Flak- das sind Flugzeugabwehrkanonen- auf dem Dahlemer Feld, neben der Pacelliallee , eingesetzt. Später musste er nach Osten im Kampf gegen die dort vorrückenden russischen Truppen.Kurz vor Kriegsende wurde auch mein Vater, damals schon 59 Jahre alt, zur Verteidigung Berlins eingezogen. Beide haben wir nie wiedergesehen, wissen auch nicht  wo und wann sie gestorben sind.

So blieb meine Mutter mit meinem Bruder (12) und mir  (5)allein. Wir hatten das Glück, dass unsere Wohnung in der Friedrichshaller Str. nicht zerstört war  und dass meine Großeltern, die in der Breiten Str.  wohnten, noch lebten.

1946 wurde ich eingeschult, an genau derselben Schule wie Ihr. Ihr habt ja das Foto gesehen. Es folgten schlimme Notjahre. Man bekam nur sehr wenig zu essen, es fehlte an allem, auch an Kleidung und Schuhen. Dazu kamen  zwei sehr kalte Winter, und da es nichts zum Heizen der Wohnungen gab, sind viele Menschen erfroren. Im Winter mussten wir morgens zur  Schule kommen um unsere Hausarbeiten zu holen. Dafür gab es aber keine Hefte, wir benutzen Reste , die man zu Hause fand, Ränder von Zeitungen, Packpapier  usw. Viele Kinder hatten nicht  mal das. Viele Millionen Deutsche mussten den Osten unseres Landes verlassen. Auch auf unserem Schulhof wurden für sie Blechhütten  errichtet, in denen sie untergebracht wurden. Sechs meiner Mitschüler wohnten dort. Denen ging es noch schlechter als uns.

Nun werdet ihr denken, dass wir damals ständig traurig waren. Das war aber nicht so. Wir spielten genauso gerne wie ihr, tobten herum  zankten und vertrugen uns wieder. Da die meisten Mütter- die meisten Väter waren entweder tot oder noch in Gefangenschaft,  in Russland, Amerika , Frankreich und Großbritannien- arbeiten mussten, hatten wir mehr Freiheit als Ihr heute. Überall gab es zerstörte Häuser , in  denen man wundervoll spielen konnte. Natürlich war das gefährlich und streng verboten, denn die  Mauern konnten einstürzen oder Bomben explodieren. Aber auch wir waren nicht immer gehorsam .Auf dem Schulhof fanden manchmal wüste Prügeleien statt, da gab es oft Streit. Es wurde auch viel gestohlen .Altmetall konnte man in den Ruinen finden und dann verkaufen oder gegen etwas Essbares eintauschen. Wir versuchten auch,  Heizmaterial, Holz und Kohlen, zu beschaffen. Heimlich wurden im Grunewald Bäume gefällt, zersägt und nach Hause geschafft. Wehe man wurde dabei erwischt.

Ganz schlimm wurde es, als 1948  die russische Besatzungsmacht alle Straßen und Schienenwege nach Berlin sperrte. Damit wir nicht verhungerten, richteten die Besatzungsmächte  der Briten, Amerikaner und Franzosen eine Luftbrücke nach Berlin ein. Das hieß, dass  alles , was in Berlin gebraucht wurde, mit Flugzeugen gebracht wurde. Auch wir in unserer Schule konnten sie beobachten. Alle zwei Minuten donnerte ein Flugzeug Tag und Nacht über Schmargendorf auf dem Weg zum Flughafen Tempelhof, den es heute nicht mehr gibt. Dazu wurde ein weiterer Flugplatz gebaut, in Tegel, der vor wenigen Jahren auch geschlossen wurde.

Zum Glück endete diese ganz schlimme Zeit 1949. Inzwischen gab es neues Geld, die D-Mark, für die man wieder alles kaufen konnte. Allerdings war sie in den meisten Familien  das Geld sehr knapp. Erst  einige Jahre später ging es uns langsam besser.

Erklärung zu den Fotos: Auf dem Bild mit Herrn Rusche sitze ich in der zweiten Reihe von unten, ich bin der vierte von rechts , mit Matrosenbluse. Herr Hohnstetter steht auf dem anderen Bild mit Frau Ruprecht in der dritten Reihe von unten, der zweite von rechts mit Stullentasche.

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